Das Instrument der massenhaften, teilweise auch automatisierten, Wähleranrufe erfreut sich in den USA weiterhin großer Beliebtheit.  Zahlreiche Agenturen sind auf Telefonmarketing spezialisiert und nutzen die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung, um noch zielgenauer die Anrufe durchführen zu können.

Ein Beispiel für eine solche Agentur ist Votercircle. Diese haben eine Software entwickelt, durch die Freiwillige, sobald sie einen Telefonanruf tätigen wollen, angezeigt bekommen wen sie anrufen sollten. Die Empfehlung basiert auf einem Algorithmus, der seine Daten aus der Wählerdatenbank und weiteren eingekauften Informationen bezieht. So wird u.a. versucht nach Verbindungen zwischen dem Anrufer und den durch Wählerdatenbanken identifizierten potentiellen Wählern zu finden. Dem zu Grunde liegt die Theorie, dass Personen die befreundet sind, sich kennen, aus der gleichen Gegend kommen oder Interessen teilen, dem Urteil des Gegenübers eher vertrauen und sich leichter überzeugen lassen.

Stones’ Phones and Chism Strategies wäre ein anderes Beispiel aus den USA, welches versucht sich im Bereich des Telefonmarketings zu behaupten. Dort baut man auf automatisierte Anrufe, bei denen der Wähler gefragt wird, warum es aus seiner Sicht wichtig sei wählen zu gehen. Diese Antwort wird aufgezeichnet. Kurz vor der Wahl wird der Wähler erneut angerufen und bekommt seine vorherige Antwort vorgespielt, sodass er selbst den Grund dafür liefert, warum er in den nächsten Tagen unbedingt wählen gehen sollte. Laut eigener Unternehmensangabe wurde dadurch bei den Senatswahlen in New Mexico eine Steigerung von 4% bei den unentschlossenen Wählern erreicht.

Diese Beispiele zeigen schon, ganz so einfach ist es mit dem modernen Telefonmarketing in Deutschland nicht. Die Gesetzgebung und Rechtsprechung sind hier restriktiver als in den USA. War die Telefonwerbung bis in die 80er Jahre noch ein gängiges und wichtiges Mittel für Wahlkampagnen, änderte sich dies mit einem Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart im März 1988. Dieses stellte fest, dass “Telefonanrufe im privaten Bereich (Anm.: Zur Wahlwerbung) weder erforderlich noch geeignet” seien, da die Parteien “vielfältige Möglichkeiten” hätten, anderweitig auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. Seitdem spielen Telefonanrufe in Wahlkämpfen praktisch keine Rolle mehr. Zumal in den Jahren 2009 und 2013 weitere Verschärfungen im Bereich der „unerwünschten telefonischen Werbung“ durch den Gesetzgeber vollzogen wurden.

Den durch den SPD-Bundestagswahlkampf 1998 berühmt gewordenen Wahlkampfmanager Bodo Hombach störte dies bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen 1989, also kurz nach dem Stuttgarter Urteil, relativ wenig. Er traf mit der CDU eine Übereinkunft, dass beide Parteien nicht gegeneinander klagen würden und führte weiter im großen Stil Telefonwerbung mit der Begründung durch, dass dies “ein unverzichtbares Mittel der demokratischen Auseinandersetzung“ sei. Auch der NRW-SPD-Justiziar, der befürchtete, dass die SPD-Gliederungen massenhaft mit “einstweiligen Verfügungsverfahren überzogen“ werden könnten, schaffte es nicht Hombach zu überzeugen.