Ein Gastbeitrag von Ann Cathrin Riedel

Das Labor der Partei. So bezeichnet sich die FDP Friedrichshain-Kreuzberg selbst, so wird sie auch genannt und wahrgenommen. Kein Wunder also, dass der Parteivorsitzende Christian Lindner und der Ombudsmann der FDP Christopher Gohl den Bezirksverband und seine Arbeit in ihren Reden beim diesjährigen Bundesparteitag in Berlin erwähnten. Doch was macht die Arbeit in Xhain, wie der Bezirk abgekürzt wird, so experimentell, dass sie den Begriff „Labor“ verdient?

Niederlage & Neuerfindung der FDP

Die FDP musste sich nach ihrer großen Niederlage beim Bundestagswahlkampf 2013 neu aufstellen – versucht seitdem eine gewisse Start-up-Mentalität zu versprühen. Da passt auch der aktuelle Fokus auf das Thema Digitalisierung, das mit der ‪#‎betarepublik‬ beim vergangenen Bundesparteitag eingeläutet wurde natürlich gut dazu. Doch auch intern muss sich die Arbeit dem Image, das nach außen getragen werden soll, anpassen. Dies ist aber nur möglich, wenn bei den Mitgliedern innerhalb des Verbandes – hier im Bezirk – auch eine gewisse und ausreichend hohe Affinität zur Digitalisierung und ortsungebundenen Arbeit besteht. Im FDP Bezirksverband Friedrichshain-Kreuzberg ist dies der Fall.

Jung & Digital

Nicht nur der Bezirksvorstand ist mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren extrem jung, sondern auch der große Teil der übrigen aktiven Mitglieder. Womöglich dem jungen Alter aber auch der Technikaffinität ist es daher geschuldet, dass der Bezirk viel interne Arbeit ortsunabhängig und Diskussionen digital laufen. So sind ein Großteil der aktiven Mitglieder in einer WhatsApp-Gruppe versammelt, in der wichtige Informationen über interne Vorhaben mitgeteilt werden, Presseartikel geteilt und besprochen werden, Ideen eingeworfen und diskutiert werden oder aber Aktionen im Wahlkampf koordiniert werden. Auch der Vorstand arbeitet über eine eigene Gruppe in WhatsApp und koordiniert sich hier zwischen den einzelnen Vorstandssitzungen. Wichtige Entscheidungen und zu protokollierende Abstimmungen erfolgen allerdings weiterhin über die klassische Email.

Eine klar strukturierte, aber dennoch freie Arbeitsweise wird insbesondere vom Vorsitzenden Richard Siebenhaar gefördert und gefordert. So wird in Friedrichshain-Kreuzberg nicht erst bis zu einer nächsten physischen Sitzung gewartet, bis Ideen diskutiert und ausgearbeitet werden, sondern sofort gefördert, wenn in der Diskussion auf dem Smartphone eine Idee, z.B. für den Wahlkampf eingebracht wurde und sie dort großen Anklang fand. Individuelle Projektteams, die sich dann je nach Interesse und zeitlicher Verfügbarkeit spontan zusammenschließen können dann eigene kleine Projekte für die Parteiarbeit bzw. den Wahlkampf entwickeln. Dabei können und sollen sie frei und eigenverantwortlich handeln – natürlich nur im Rahmen eines abzuklärenden Budgets und innerhalb der parteilichen Auffassungen.

Online-Netzwerk: Meine Freiheit

Für die Ausarbeitung solcher kleinen Projekte, aber auch für die tägliche Parteiarbeit – zum Beispiel Einwohneranfragen, die die FDP Friedrichshain-Kreuzberg als APO regelmäßig stellt – bietet das Netzwerk „Meine Freiheit“ https://network.meine-freiheit.de eine ideale Plattform zum gemeinsamen Erarbeiten und Diskutieren von Papieren und Anträgen. Das Netzwerk kann auch zum diskutieren von nicht FDP-Mitgliedern genutzt werden. FDP Mitglieder haben zusätzlich noch Sonderbereiche, in denen sie vorab vor Parteitagen Anträge diskutieren, up- oder downvoten können, Werbematerialien downloaden oder sich austauschen können. Dies ist hier sowohl innerhalb der einzelnen Ort-, Kreis-, oder Bezirksverbände möglich, als auch bundesweit. Innerhalb dieser Gruppen können dann, wie in Friedrichshain-Kreuzberg, Anfragen in einem Etherpad gemeinschaftlich erarbeitet und diskutiert werden.

Diese Möglichkeiten zur orts- und zeitunabhängigen Arbeit sind für einen so jungen Bezirksverband von hoher Wichtigkeit. Sie ermöglichen es allen Mitgliedern und insbesondere dem Vorstand ihre Arbeit dann und dort zu erledigen, wo es ihnen gerade am besten passt. Das kann im Ausland sein, in der Mittagspause oder abends, wenn die Kinder im Bett sind. Diese Möglichkeiten und Flexibilität schaffen ein enorm hohes Beteiligungs- und Zufriedenheitsniveau der Mitglieder.

Vereinbarkeit von Familie, Beruf & Engagement

Da nicht nur viele Jobs oder Lebensmodelle eine klassische Parteiarbeit am Stammtisch für viele junge Leute kaum noch zulassen und die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt als besonders wichtig empfunden wird, wird eben diese Vereinbarkeit auch besonders gefördert, um jedem zu ermöglichen, sich politisch zu engagieren. Physische Mitgliedertreffen werden meist um 19 Uhr angesetzt und auf zwei Stunden begrenzt. So hat die größtmögliche Menge an Mitgliedern Zeit nach dem Feierabend und einen abgesteckten Rahmen, die er an dem Abend für die Parteiarbeit investiert – und Eltern haben konkrete Angaben für einen Babysitter, oder auch ihr Kind, wenn dies schon größer ist. Aber auch wenn sich kein Babysitter finden lässt, sind Kinder gern gesehene Gäste auf Mitglieder- oder Vorstandssitzungen. Kinder sind ein Teil der Gesellschaft und sollten niemandem am Engagement hindern – schließlich wird die Politik auch für die Kleinsten gemacht. Gerade weil in der FDP Friedrichshain-Kreuzberg so viele junge Eltern sind, wird auch eine Kinderbetreuung in einem Nebenzimmer angeboten, sollte es eine planmäßige längere Sitzung geben.

Natürlich sind in Friedrichshain-Kreuzberg nicht nur ganz junge und digitalaffine Mitglieder zu finden. Auch für alle anderen gibt es Angebote sich einzubringen und informiert zu bleiben. Ein monatlicher Email-Newsletter informiert alle Mitglieder ausführlich über die aktuellen und vergangenen Aktivitäten. Eine monatliche LibLounge lädt mit interessanten Gästen zu themenbezogenen Diskussionen ein und Barcamps sowie Workshops zur Wahlkampfvorbereitung bieten jedem die Möglichkeit, seine Idee einzubringen, zu diskutieren und umzusetzen.

Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl 2016

Die FDP Friedrichshain-Kreuzberg hat noch viel vor auszuprobieren und ihre Erkenntnisse weiter zu tragen. Aktuell wird eine Wahlkampf-Kampagne für den Bezirk, der alles andere als typische FDP-Wählerklientel hat (das Wahlergebnis lag im Bezirk bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2011 bei stolzen 1,0 %) getestet, die bewusst auf Logos und zu viele der Parteifarben verzichtet, getestet. Mit der Kampagne ‪#‎xhainupdate‬ wird nicht nur auf Facebook und Twitter geworben, die Kampagnenseite www.xhainupdate.de setz bewusst auf Visualität und Interaktivität bei der Darstellung des Wahlprogramms. Ob und inwiefern das dezente FDP-Branding hilft, den Einwohnern in Xhain z.B. zu vermitteln, dass auch die FDP fahrradfreundliche Politik machen kann, wird sich am 18. September zeigen.

 

Autorin:

Ann Cathrin Riedel, geboren in Pinneberg bei Hamburg, studierte Islamwissenschaften, BWL und Politik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Die Neu-Berlinerin ist erst vor Kurzem in die FDP eingetreten, gestaltet dort allerdings bereits jetzt im Vorstand der FDP Friedrichshain-Kreuzberg die Parteiarbeit mit und bringt ihre berufliche Erfahrung als Online-Marketing-Beraterin ein. Erst vor wenigen Tagen hat der Hamburger Wahlbeobachter die von ihr entwickelte Kampagnenwebsite der FDP Friedrichshain-Kreuzberg als Musterbeispiel für eine gelungene Kampagnenseite bezeichnet.