Jedem Wahlkämpfer werden die etundenlangen Telefonanrufe innerhalb der ersten Kampagnen, die man mitmacht, in Erinnerung geblieben sein. Wenn das Ohr nach Stunden glüht, die Parteianhänger sich bei einem über die aktuelle Politik der (Bundes-)Partei lauthals beschweren und der Output nicht klar ersichtlich ist, sind das Momente einer Kampagne, die nicht gerade den Höhepunkt darstellen.

Die SPD-Baden-Württemberg beschreitet bei ihrer aktuellen Landtagswahlkampagne neue Wege. Mit dem Unternehmen „Campaigns & Technology“ wurde eine politische Beratungsfirma engagiert, die sich auf Telefonkonferenzen zur Mobilisierung von Unterstützern spezialisiert hat. Bereits der Bürgermeister von London, Boris Johnson, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder auch die SPÖ haben in ihren Kampagnen mit TalkToo zusammengearbeitet.

Die Technik von TalkToo erlaubt es tausende von Personen gleichzeitig anzurufen. Wenn diese an ihr Telefon gehen, hören Sie eine zuvor aufgenommene Nachricht. Falls Sie nicht an ihr Telefon gehen, erhalten Sie eine aufgezeichnete Voicemail-Nachricht (das hier eingebundene Soundcloud-File). Damit möglichst viele erreicht werden, informiert die SPD-Baden-Württemberg meist eine Woche zuvor ihre Mitglieder über den Termin der Telefonkonferenz. Augenscheinlich mit Erfolg: An der ersten Telefonkonferenz nahmen laut Angaben der Partei 15.000 der insgesamt 35.000 Mitglieder teil.

Als Teilnehmer ist man zunächst nur passiv und hört, was der Spitzenkandidat erzählt. Mit der Betätigung einer zuvor ausgewählten Taste ist es möglich zugeschaltet zu werden. Der Fragesteller wird nun in einen „Telefon-Raum“ weitergeleitet, der für alle Fragesteller vorgesehen ist. Die Mitarbeiter können aus diesem Raum nun Leute in die Live-Schalte bringen, sodass diese direkt mit dem Kandidaten diskutieren, alle anderen hören zu. Laut TalkToo ist es ebenfalls möglich während der Telefonkonferenz Umfragen durchzuführen, indem der Kandidat eine Frage stellt und die Zuhörer auf die entsprechende Telefontaste für ihre Antwort drücken.

Die SPD-Baden-Württemberg hat in ihrem Wahlkampf insgesamt vier solcher Telefonkonferenzen durchgeführt. Die Gesprächsgäste waren u.a. Nils Schmid, Ministerin Katrin Altpeter, Vizekanzler Sigmar Gabriek oder auch, am Tag vor der Wahl zur letzten Mobilisierung, Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Aus der Wahlkampfzentrale hört man nur Positives von der neuen Technik. Die Genossen seien begeistert und würden sich viel besser eingebunden fühlen. Insgesamt scheint die Technik eine spannende Möglichkeit zu bieten, um die Mobilisierung weiter zu verbessern.
744c3ab6f4f92b767e04b731fb68bad6Missgeschicken passieren auch bei der besten Technik. So wurde bei der SPD-Baden-Württemberg vergessen die „0“ einzugeben, wodurch den Mitgliedern angezeigt wurde, dass sie aus Russland angerufen werden. Verständlich, wenn man da nicht direkt ans Telefon geht. Zudem ist die SPD eine strukturell eher konservative Partei, was sich auch bei der Einführung dieser neuen Technik zeigte. Einige Genossen äußerten auf Facebook ihren Unmut darüber, dass sie während ihres Feierabends von der SPD angerufen werden. Trotz kleinerer Pannen sind wir davon überzeugt: von dieser Technik wird man in deutschen Wahlkämpfen noch öfter Gebrauch machen.