Wer die Ausgabe von „The Axe Files“ gehört hat, in der Mitt Romney zu Gast war, weiss, dass Romney nicht der elitäre und unsoziale Mensch ist, für den ihn viele im Präsidentschaftswahlkampf 2012 gehalten haben. Die Obama Kampagne hatte hier ganze Arbeit geleistet. Die Netflix-Dokumentation „Mitt“ bestätigt diese und zeichnet ein Bild von Romney als Familienvater und Idealisten.

Die Dokumentation beginnt in der Wahlnacht 2012 als Romney und seinen engsten Vertrauten klar wird, dass sie verloren haben. Sichtlich niedergeschlagen fragt Mitt in die Runde, in der nur seine Familie und die engsten Berater sind, „So what do you say, if we… What do you say in a concession speech?“.  Mehrere Kameras halten 15 Sekunden lang in Nahaufnahmen auf die verschiedenen Gesichter fest, was diesen gerade klar wird: „Es hat nicht gereicht“. Die Szene ist einer der Glanzmomente der Dokumentation und ein perfekter Einstieg. Nicht nur weil sie so stark, weil authentisch und nah, aufgenommen ist, sondern auch weil sie dem Zuschauer, ähnlich wie beim Film „The War Room“ über die Clinton Kampagne, das Gefühl gibt, selbst dabei zu sein.

Diese Intimität und das Gefühl, den Wahlkampf hautnah noch einmal aus einer neuen Perspektive mitzuerleben, zeichnet die große Stärke des Films aus. Der erzählerische Stil den Schwerpunkt auf die Persönlichkeit und weniger auf die Prozesse zu legen, verstärkt diesen Effekt noch. Dabei zu sein wie Mitt gemeinsam mit seiner Familie eine Pro-Kontra-List aufstellt, was für eine Kandidatur spricht und was dagegen, mag vielleicht banal und aus Zuschauersicht unwichtig klingen, aber er zeigt eine Seite des Wahlkampfs, die oft zu wenig Beachtung findet, obwohl sie so bedeuten ist. Nämlich was eine Familie nicht nur für den Politiker persönlich, menschlich bedeutet, sondern auch was es für die Familie an Entbehrungen und Belastung bedeutet. So wirkt die größte „Show” der Welt auf einmal klein und nah.

Inhaltlich beschreibt die Dokumentation neben dem Wahlkampf 2012 auch, wie Mitt Romney während der Vorwahlen 2008 gegen John McCain antritt, um Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden. Er kämpft dabei immer wieder mit dem Vorwurf des Flip-Flopers (Wankelmütig – nicht standhaft in der Haltung). Jede Handlung von ihm wird auf diesen Vorwurf gemünzt, sobald er Zeilen in seinen Reden ändert oder den einen Tag zu McDonalds und am nächsten Tag zu Burger King geht. Jede Handlung wird auf diesen einen Vorwurf der Wankelmütigkeit bezogen.

Im weiteren Verlauf wird die Aufgabe der Vorwahlkandidatur im Jahr 2008 und der Wahlkampf im Jahr 2012 gegen Obama dargestellt. Dadurch, dass der Film allerdings den Menschen Mitt Romney so stark in den Mittelpunkt stellt, geht eine wirklich tiefergehende Darstellung der Kampagne und des Wahlkampfs verloren. Die dargestellten Aufnahmen bestehen fast ausschließlich aus privaten Bildern, die im inneren Zirkel Romneys aufgenommen wurden und seine Gefühle zu aktuellen Ereignissen darstellen. Der Spagat zwischen persönlichem Insiderbericht und Wahlkampfreportage gelingt nicht wirklich. Das Pendel schlägt zu stark in die persönliche Richtung aus. Dadurch dass die fachliche Aufarbeitung der Kampagne nicht Intention des Films zu sein scheint, kann man diesem das auch nicht übermäßig anlasten.

Interessant sind immer wieder die kleinen Details, die durch diese tagebuchartige, sehr unmittelbare Erzählweise ans Licht kommen . Wie beispielsweise Romney die Spendengelder ausgehen und er während der Vorwahl mit sich hadert, weiter Spender anbetteln zu müssen und den Unterstützer erzählen zu müssen, dass er diese Wahl gewinnen wird, wo doch alles so ausweglos für ihn erscheint. Dass er direkt nach der Aufgabe der Kandidatur während der Vorwahlen 2008 von seinen Beratern gefragt wird, ob er 2012 wieder kandidieren wolle und entsprechende Vorkehrungen getroffen werden sollen. Oder auch die Hintergrundaufnahmen zur mittlerweile historischen ersten TV-Debatte zwischen Obama und Romney 2012, aus der Romney als großer Gewinner hervorging.

Merkwürdigerweise verbringt die Dokumentation oft minutenlang Zeit mit belanglosen Dingen, wie der Diskussion zwischen Romney und seinem Sohn in welchem Bereich des Flughafens der Gastrobereich ist. Oft funktioniert die Schwerpunktsetzung nicht und teilweise wird auch zu stark auf die Emotionen eingegangen, obwohl sie die Geschichte nicht weiterbringen und ihr keine neue Tiefe geben. Das ist oft zu viel des Guten.

Abschließend bleibt allerdings ein positives Bild von der Netflix-Dokumentation. Gerade jetzt im US-Präsidentschaftswahljahr lässt sie einiges besser verstehen und einordnen. Für Freunde der US-Politik ist der Film bedingungslos zu empfehlen.

Die Dokumentation ist bei Netflix-Deutschland abrufbar.

Netflix-Doku: Mitt
Blick hinter die KulissenRolle von Familien im WahlkampfDer Mensch Mitt Romney hinter dem Politiker
Stellenweise sehr pathetischStrategisch oberflächlich
70%Gesamtpunktzahl
Leser Bewertung 1 Abstimmen
93%