2004 wechselte Markus Feldenkirchen als Redakteur ins Hauptstadtbüro des Spiegel. Im Jahr 2007 folgte die Beförderung zum stellv. Leiter. 2014 begann er schließlich seine Arbeit als Washington-Korrespondent des Spiegels. Mit uns unterhält er sich darüber, warum Obamas Politik gescheitert ist, wie Donald Trump die Republikaner verändert hat und warum der US-Wahlkampf medial verunglückt ist.

Das Interview wurde am 15.05.2016 geführt und erschien zunächst in unserem Podcast. Die Episode kann via Itunes heruntergeladen oder auf unserem Youtube-Kanal angehört werden.

Campaigning&Strategy: Wir, Kevin Tiedgen und Lukas Weyell, sind heute verabredet mit Markus Feldenkirchen vom Spiegel. Das Treffen findet in einem Café im Prenzlauer Berg statt. Hallo erstmal!

Markus Feldenkirchen: Hallo, wie gehts?

C&S: Ganz gut! Ja, also eigentlich können wir dich ja mehr oder weniger alles fragen. Wurde mir zumindest von Kevin gesagt, weil du quasi in jedem Thema drin bist. Aber fangen wir einfach mal mit einem Thema an, das dich schon sehr lange beschäftigt hat, nämlich die USA.

M.F.: Sehr gerne! Ich war da eine Zeit lang als Korrespondent stationiert in Washington und habe so das erste halbe bis dreiviertel Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs recht nah mitbekommen.

C&S: Du warst unter anderem auch dabei als der Mord in Ferguson passiert ist und hast darüber berichtet, wie das in der afroamerikanischen Community angekommen ist. Was war denn dein Eindruck vom Zustand der USA?

M.F.: Insgesamt war ich doch sehr überrascht. Ich glaubte ziemlich viel über Amerika zu wissen. Und hatte dann aber den Eindruck, dass die Gesellschaft noch zerrissener, noch extremer war als ich mir das vorher gedacht hatte. Zum Beispiel die Spannungen von Schwarzen und Weißen. Da hätte man aus der Distanz den Eindruck haben können, klar irgendwie die Geschichte von der Sklaverei zu heute, da gab es unterschiedliche Stationen, aber jetzt wo ein Schwarzer doch sogar Präsident werden konnte, ist das nicht mehr das große Thema. Das stimmt aber überhaupt nicht so. Also tragischerweise sind sogar unter der Präsidentschaft Obamas das Misstrauen und die Spannung zwischen Schwarzen und Weißen noch größer geworden und was ich bei Recherchen wie in Ferguson gelernt habe, was mir vorher nicht so bewusst war, ist, dass diese Form von kleiner Alltagsdiskriminierung, die Schwarze auch heute noch in allen Teilen des Landes erleben, schon extrem ist. Seien es Schikanen durch den Polizeiapparat, im Wirtschaftsleben und so weiter.

C&S: Jetzt ist es so, dass es im Präsidentschaftswahlkampf keinen schwarzen Präsidentschaftskandidaten gibt. Was bedeutet das für die afroamerikanische Community? Wen wird diese wählen?

M.F.: Das haben ja die Vorwahlen jetzt schon gezeigt, dass sie der Familie Clinton sehr vertrauen. Bill Clinton hat in den 90er Jahren erfolgreich den Eindruck erweckt, dass er ein guter Interessenvertreter der Schwarzen sei. Und von diesem Vertrauen profitiert auch Hillary. Da hat sie ganz stark drauf gesetzt. Und diejenigen, die sie zur Präsidentschaftskandidatin gemacht haben, das sind mehrheitlich die Schwarzen innerhalb der demokratischen Partei.

C&S:  Also steht es für dich schon fest, dass sie die Kandidatin der Demokraten wird?

M.F.: Ja. Bernie Sanders, der für mich die überraschendste und erstaunlichste Kampagne gefahren hat und wirklich die größte Überraschung dieses Wahlkampfs ist, hat es bis kurz vor Schluss geschafft da ein spannendes Rennen zwischen Hillary und ihm hinzubekommen, aber ich glaube jeder Mathematiker weiß, dass er, Stand jetzt Mitte-Mai, knapp gescheitert ist.

C&S: Bereits 2008 zur Präsidentschaftskampagne von Obama war viel von “Change” die Rede. Das hören wir jetzt bei Bernie Sanders in ähnlicher Weise wieder. Dass das Establishment geändert werden müsste und es grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft bräuchte. Hat Obama das in Teilen geschafft, was er tun wollte? Oder ist er gescheitert und hat das Land weiter gespalten, wie ihm ja jetzt oft vorgeworfen wird? Und ist deswegen jetzt auch Sanders so erfolgreich?

F.E.: Ich glaube, dass Barack Obama zwar viele wichtige Veränderungen geschaffen hat, allen voran zumindest ein kleiner Schritt in Richtung einer Gesundheitsversicherung wie wir sie aus Europa kennen, also wirklich nur ein kleiner Schritt, aber der hat ihm schon sehr viel Ärger von den politischen Gegner eingebracht. Insgesamt hat sich, glaube ich, für Obama gerächt, dass er 2008 mit Schlüsselbegriffen wie “Change” eine Erwartungshaltung geschafft hat, die einfach viel zu groß und unrealistisch war. Und wenn das Bild auf ihn deshalb von denen, die große Erwartungen in ihn gesetzt haben, ein bisschen mit Enttäuschung verknüpft ist, dann ist er daran selbst Schuld.

C&S: Obama erhielt schon relativ kurz nach seinem Amtsantritt den Friedensnobelpreis. Viele Leute haben damals schon gesagt, dass ihn das mehr oder weniger den Kopf kosten wird so früh schon geehrt zu werden. Siehst du das auch so?

M.F.: Ja, das war fatal! Er konnte er ja nichts dafür, dass er den Preis bekommt. Aber die, die ihm den Preis verliehen haben, die hätten vielleicht doch nochmal ein paar Jahre warten müssen. Und es gibt ja eine innenpolitische und eine außenpolitische Bilanz von Obama. Und gerade die außenpolitische ist doch sehr umstritten. Uns Europäern war es erst einmal sympathisch, dass er weniger martialisch war, weniger aggressive Rhetorik und auch Handlungen in der Außenpolitik von ihm kamen, aber ich glaube schon, dass er außenpolitisch Fehler gemacht hat und  dass er auch bei der Entwicklung in Syrien, auch wenn er für die Ursprünge dieses Bürgerkriegs nichts konnte, schlechtes Krisenmanagement gemacht hat.

C&S: Obama wurde insbesondere von den Republikanern immer wieder vorgeworfen, dass er das innenpolitische Klima mit vergiftet hätte, die politische Gesellschaft gespalten hätte, über Erlasse durchregiert hätte, ohne die Parlament ausreichend einzubeziehen, pure Inhalte der Demokratischen Partei durchgesetzt hätte. Hat das Klima, das Obama miterschaffen hat, zu dem Erfolg Trumps geführt?

M.F.: Ja. Also viele Republikaner, politische Gegner Obamas, haben sich wirklich in einen Obama-Hass hineingesteigert, der für mich völlig irrational war und wo man schon auch die Vermutung haben konnte, dass es einige Leute vielleicht doch exponentiell anstachelt, dass da doch ein Schwarzer Präsident werden konnte, dass es nicht nur ein politischer Gegner von den Republikanern ist, sondern dann auch noch ein Schwarzer, dass es dann besonders aggressive Emotionen gegen ihn geweckt hat. Aber diese Stimmung war da und es gibt die Theorie über amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe, wonach, wenn es jemand geschafft hat acht Jahre zu regieren, die jeweils andere Partei den totalen Gegentyp aufstellt. Größere Diskrepanzen sowohl im persönlichen Auftritt, in der Persönlichkeit, als auch im politischen Programm wie zwischen Obama und Trump gibt es wohl kaum.

C&S: Bei den Vorwahlen in Virginia gab es eine Wählerbefragung, die ergeben hat, dass die Hälfte aller Sanders-Wähler Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl wählen würden, sofern Hillary Clinton die Kandidatin der Demokraten wird. Kann das für Hillary Clinton noch zum Problem werden?

M.F.: Also Menschen, die Sanders und Trump auch nur in irgendeiner Form gleichsetzen oder für beide Wähler würden, sind mir zwar suspekt, aber ich glaube schon zu wissen was dahinter steckt; in zwei Punkten gibt es durchaus Schnittmenschen in dem, was Trump und Sanders kritisieren. Die Art wie amerikanische Wahlkämpfe und damit auch amerikanische Politik finanziert wird. Beide haben gesagt wir wollen keine Spenden von den Superreichen haben. Trump hat es dann gleich aus eigener Tasche finanziert und Sanders eine beachtliche Zahl von Kleinspendern aquirieren können. Und so dieses Gefühl der einfache amerikanische Arbeiter wird eigentlich von den Wirtschaftsbossen und von den mit ihnen zusammenhängenden politischen Anführern verraten. Diesen Grundtenor haben beide in ihrer Kampagne und das sind wahrscheinlich die Leute, die sowohl Trump als auch Sanders sympathisch finden. Ich glaube, dass Sanders, wenn er der Kandidat der Demokraten geworden wäre, größere Chancen gegen Trump hätte, weil er viele Angriffspunkte, die Trump in diesem Wahlkampf gegen Hillary Clinton bringen wird, nicht hätte. Also es ist der ehrlichere, authentischere Kandidat, der, glaube ich, die Sorge derer, die Trump unterstützen, stärker aufgreift als Clinton das tut.

C&S: Trump ist nach den Vorwahlen eigentlich der unangefochtene Kandidat der Republikaner. Allerdings ist das ja nicht bindend. Theoretisch kann bei der Convention der Republikaner noch jemand anders nominiert werden. Jetzt gibt es viele, die mutmaßen, dass es eventuell dazu kommen könnte, dass Trump gestürzt wird, weil die Republikaner einen so radikalen Kandidaten nicht möchten. Meinst du, dass das möglich ist? Und falls ja, wer würde denn dann kommen?

M.F.: Theoretisch und technisch wäre das vielleicht möglich, aber ich würde jede Wette eingehen, dass er am Ende der Kandidat wird. Die republikanische Partei sollte sich rückblickend darüber Gedanken machen, wie es überhaupt zu Trumps Erfolg kommen konnte. Ihn jetzt, wo er nun ganz klar nach den innerparteilichen Demokratieregeln der Kandidat ist, noch zu stürzen oder irgendwie zu verhindern auf unkonventionelle Weise wäre fatal und dann würde die Partei in zwei Flügel auseinander brechen.

C&S: Normalerweise spielt Geld eine sehr sehr große Rolle im US-Präsidentschaftswahlkampf. Wenn man sich nun bei den Republikanern die Beträge anschaut, die investiert wurden – nehmen wir mal Jeb Bush als Beispiel gegenüber Donald Trump – ist da schon eine erhebliche Differenz vorhanden. Spielen die Medien nicht auch eine große Rolle für den Erfolg Donald Trumps, wie das ja beispielsweise Obama auch kritisiert hat? Wenn man sich anschaut, wieviel Free Media Donald Trump durch seine sehr zitierfähigen Aussagen bekommt, ist das schon sehr beachtlich; andere müssten dafür sehr viel Geld ausgeben, um diese Zeit in den Medien zu bekommen.

M.F.: Absolut. Trumps Erfolg ist auch eine Bankrotterklärung für den amerikanischen Politik-Journalismus, insbesondere des Politik-Journalismus im Fernsehen. Das Fernsehen ist ein noch stärkeres Massenmedium in den USA als in Deutschland, spielt eine noch größere Rolle und was es dort für eine billige, oberflächliche Berichterstattung gab, wie Donald Trump von der ersten Minute an stundenlang freie Berichterstattung geschenkt wurde. Jeder unbedeutende Auftritt von ihm wurde live in den großen Nachrichtenkanälen übertragen. Die Berichterstattung reduzierte sich darauf “Trump hat jemanden beleidigt, was sagt der Beleidigte”. Also wirklich ein Niveau der politischen Auseinandersetzung, wie es primitiver kaum sein kann – und Trump hat davon definitiv profitiert.

C&S: Kann man ähnliches auch bei der AfD beobachten, wo auch viel davon gesprochen wird, dass die Medien ihnen unfreiwillig helfen, indem sie sehr viele Aussagen zitieren und sie immer wieder in die Schlagzeilen bringen?

M.F.: Das halte ich in keiner Form für vergleichbar, weil es eine unkritische Begleitung der AfD für meine Begriffe nicht gegeben hat, das war aber in den USA der Fall. Da wurde einfach nur Live übertragen und sich nur auf unpolitische Kleinigkeiten wie “Trump hat den beleidigt” konzentriert. Während ich schon finde, dass es eine sehr kritische Auseinandersetzung in den deutschen Medien mit den Inhalten der AfD gibt.

C&S: Trump hat im Wahlkampf relativ häufig seine Meinung geändert. Er springt immer mal wieder hin und her, je nachdem wie es ihm gerade passt. Was erwartet uns bei einem Präsidenten Trump? Ist das überhaupt so vorhersehbar? Wäre er vielleicht sogar liberaler als es viele derzeit erwarten?

M.F.: Er hat in der Vergangenheit sehr liberale Positionen vertreten, kommt aus New York, ist ein Geschäftsmann, der sich mit allen immer arrangieren musste, weit gereist ist. Also ein dumpfer, blöder Kandidat ist er sicherlich nicht. Er ist ein gnadenloser Populist und ich glaube sein Ansporn sind Erfolg, Gewinnen, bekannt sein. Und dafür tut er alles. Und als er zu Beginn seines Wahlkampfs gemerkt hat, dass so fremdenfeindliche Positionen, erst gegen Latinos, später gegen Muslime, bei seinen Veranstaltungen den meisten Applaus gebracht haben und auch unter den republikanischen Wählern die meiste Zustimmung gebracht haben, da hat er sich darauf konzentriert. Es gibt jetzt bei ihm in der Biographie  nicht unbedingt den Nachweis, dass er schon immer fremdenfeindlich und rassistisch war. Ich glaube so hat sich im wahrsten Sinne sein populistisches Programm herausgearbeitet, dass er genau geguckt hat, was kommt am besten an. Er möchte Applaus haben. Er möchte gewinnen. Und das ist eigentlich Trumps Programm. Auch wenn viele Punkte bis heute noch unklar sind.

C&S: Ich hab in den Vorberichterstattungen oft auch gehört, dass Leute Ted Cruz als den schlimmeren oder den gefährlicheren Kandidaten einstufen, weil er im Gegensatz zu Trump wirklich Inhalte hat, die enorm konservativ und reaktionär sind. Wie siehst du das? Kann man sagen, dass sich das Spektrum bei den Republikanern stark nach rechts verschoben hat in diesem Wahlkampf?

M.F.: Definitiv. Ich glaube, dass Ted Cruz in einer Hinsicht schon der ungefährlichere Kandidat ist. Weil er einfach eine berechenbarere Persönlichkeit hat. Wutausbrüche oder egogetriebene Entscheidungen im Affekt hätte ich ihm nicht so zugetraut wie Donald Trump. Die Kehrseite ist, dass er ein wirklicher christlicher Überzeugungskämpfer ist, der tatsächlich an das glaubt, was er fordert. Und dass die beiden die einzig nennenswerten Kandidaten am Ende in diesem Rennen waren, zeigt schon, dass die Partei sich sehr radikalisiert hat, stark nach rechts gerückt ist und es dort einen solchen Frust über diese gemäßigte Mitte-Funktionäre, die bisher den Ton angegeben haben, gab. Das ist eigentlich so das Signal des Wahlkampfes bisher bei den Republikanern.

C&S: In Deutschland sehen wir auch gerade, dass die Gesellschaft gespalten wird durch die Flüchtlingsfrage. Die eine Hälfte begrüßt eine Willkommenskultur, während die andere Ängste hat. Was erwartet uns bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr? Wird es hier auch amerikanische Zustände geben?

M.F.: Nein. Ich würde die deutsche Gesellschaft nicht mit der amerikanischen vergleichen. Den Zustand nicht, auch ökonomisch sind die Verhältnisse bei uns anders. Meine persönliche Hoffnung ist einfach, dass die Hysterie rund um die Flüchtlingskrise in einem Jahr von jetzt, wenn wir so langsam in den Bundestagswahlkampf gehen, nicht mehr die Rolle spielt, wie das, was wir in den letzten Monaten erlebt haben. Ich glaube schon, dass die Flüchtlingskrise eine Zäsur für Deutschland war, weil sich die deutsche Gesellschaft mit Fragen beschäftigen musste, die man bisher ein bisschen an den Rand drängen konnte. Und da gab es, glaube ich, Übertreibungen in beide Richtungen. Aber meine Hoffnung ist, dass es letztlich doch lehrreich für uns war.

C&S: Die AfD war der große Gewinner der Flüchtlingskrise, hat sich aber jetzt mit dem neuen Parteiprogramm noch einmal etwas breiter aufgestellt. Hat die AfD auch eine Berechtigung jenseits des Populismus? Also kann man sehen, dass die AfD wirklich Inhalte hat, die auf längere Sicht in der Gesellschaft ankommen und die auch in der Politik repräsentiert werden müssten? 

M.F.: Wenn sie rechtsextremen, völkischen Personen wie Björn Höcke klar sagen würde “ihr habt in unserer Partei keinen Platz”, dann halte ich die AfD für eine legitime Partei im deutschen Parteienspektrum, die in vielen Punkten das aufnimmt, was die CDU unter zehn Jahren Kanzlerschaft Angela Merkel preisgegeben hat. Ein Phänomen ähnlich wie die Linkspartei, die in eine politische Marktlücke gestoßen ist, die die SPD unter Gerhard Schröder und die Reformpolitik geboten hat. Und bei den klassisch-konservativen Positionen, die Angela Merkel alle preisgegeben hat, hat es mich ehrlich gesagt gewundert, dass es nicht vorher schon den Versuch gab, dort als Partei ein neues Angebot zu machen.

C&S: Ist das am Ende nicht sogar eher ein Problem für die SPD, wenn diese Partei entsteht, sofern die CDU dann die ehemals durch die SPD besetzte Mitte für sich besetzt und die SPD wiederum am Ende weder die Mitte noch die Gruppen im linken Spektrum erreicht?

M.F.: Ja, dass die SPD zugelassen hat, dass Angela Merkel und ihre Partei als glaubwürdige Sozialdemokraten angesehen wurden, ist sicher ein Problem für sie. Aber sie ist in Teilen ja auch selber Schuld. Es könnte durch die AfD tatsächlich eine neue Mehrheit mitte-rechts entstehen. Dazu müsste aber in der Union die Bereitschaft mit der AfD zu koalieren vorhanden sein. Und das hat man ja auch gesehen, wie schwer es der SPD lange fiel, Bündnisse mit der Linkspartei einzugehen, und auch heute noch auf der Bundesebene schwer fallen würde. Nicht so sehr, weil es so viele politische Differenzen gibt, sondern, weil es einfach persönlich sehr sehr verletzend und als beleidigend empfunden wurde, dass diese Partei, zum Teil von den eigenen Leuten gegründet, ihnen die alte Macht, die Größe genommen hat.

C&S: Du hast vor über zehn Jahren einen Kreis von konservativen Kräfte in der CDU aufgedeckt, die eine konservativere CDU wollten. Gibt es solche Bewegungen wieder in der CDU? Sind diese erfolgversprechend? Oder wartet man da bis Angela Merkel weg ist, um dann den Machtkampf zu gewinnen? 

M.F.: Ich glaube die erfolgsversprechendste Opposition gegen Angela Merkel ist die CSU, die ja nun wirklich kein Hehl aus ihrer Ablehnung macht bis hin zum Parteivorsitzenden, der sogar munter vorweg marschiert bei der großen Angela Merkel-Kritik. Innerhalb der CSU sehe ich keinen Politiker, der die Kraft, das Ansehen, die Autorität hätte gefährlich für Angela Merkel zu werden.

C&S: Jetzt spielt die CSU wirklich zum ersten Mal damit ernsthaft anzutreten bundesweit und der CDU damit Konkurrenz zu machen. Bisher hat die CSU ja immer sehr gut davon profitiert, dass sie eben nicht bundesweit antritt und deswegen nur in Bayern die Stimmen suchen musste und auch auf populistische Themen setzen konnte, die in NRW zum Beispiel völlig egal waren. Ist das wirklich ernst gemeint von der CSU? Kann man das wirklich glauben, dass die CSU jetzt bundesweit antreten möchte?

M.F.: Ich persönlich glaube es nicht. Das wäre ein Organisationsaufwand und niemand wüsste, welche konkreten Auswirkungen das wirklich hätte. Ich glaube Horst Seehofer tut alles, um Angela Merkel zu verunsichern, sie zu bedrohen. Sie zu zwingen ihm zu folgen. Und das ist eine der Möglichkeiten. Er droht ja auch die ganze Zeit mit einer Klage gegen ihre Flüchtlingspolitik. Die Option oder das Ankündigen evtl. einen eigenständigen Wahlkampf zu machen, ist eine weitere. Ich glaube nicht, dass es eine bundesweite CSU jemals geben wird.

C&S: Aber auch ein eigenständiger Wahlkampf oder ein eigenständiges Programm der CSU, ich glaube sogar Peter Tauber hielt das für denkbar, hätten bereits enorme Auswirkungen, oder?

M.F.: Es hätte enorme Auswirkungen. Das wäre halt so eine Zwischenstufe. Letztlich könnte die Union als Ganzes davon ja sogar profitieren, weil es bei Bundestagswahlen ja auch immer ein starkes CSU-Ergebnis braucht und die Frage ist dann nur, wie lange die Klammer der Union wirklich noch hält. Ich glaube eher, dass die CDU irgendwann in Bayern antritt als Konkurrenz zur CSU als dass die CSU in allen weiteren Bundesländern antreten wird.

C&S: Meine letzte Frage zu den Grünen, damit wir auch das gesamte Parteienspektrum fast abgedeckt haben bis auf die FDP. Wie ist das denn, jetzt hat man den Erfolg von Kretschmann in Baden-Württemberg gesehen. Ist es vorstellbar, dass man mit so einer Programmatik auch auf Bundesebene gewinnt? Also wie wird der Wahlkampf der Grünen bei der nächsten Bundestagswahl aussehen?

M.F.: Ich glaub schon, dass der Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg auch viel mit den besonderen Bedingungen in Baden-Württemberg zutun hat. Aber eine mittiger aufgestellte Partei wie die Grünen, so wie Winfried Kretschmann sie in Baden-Württemberg repräsentiert, hätte schon das Potential im Bund 20% zu erlangen. Ich glaube nur, dass die meisten politischen Funktionäre der Grünen außerhalb Baden-Württembergs dazu nicht bereit sind, weil sie das einfach inhaltlich nicht unterstützen, eine breiter aufgestellte Partei.

C&S: Aber ist das nicht die einzige Machtoption der Grünen perspektivisch mit der CDU zusammen zu gehen und ist das nicht eigentlich auch die einzig realistische Koalition nach der nächsten Bundestagswahl?

M.F.: Die Grünen haben schon oft genug bewiesen, dass an der Regierung zu sein nicht ihr Hauptziel ist. Das macht sie ja irgendwie auch ein bisschen sympathisch und unabhängig. Deshalbe glaube ich nicht, dass die Mehrheit der Grünen-Politiker täglich danach sucht, was ist unsere Machtoption und die müssen wir dann auch konsequent verfolgen. Ich weiß nicht, also ich halte es nach wie vor nicht für unmöglich in Deutschland eine progressive, viele Leute ermutigende linke Agenda vorzustellen. Zusammen aus SPD, Grünen und Linkspartei. Dazu müsste aber, glaube ich, in allen Parteien noch sehr viel passieren.

C&S: Noch zum Abschluss die Frage: Wer wird Spitzenkandidat der Grünen?

M.F.: Ich weiß nicht… Das sind ja irgendwie 15 Kandidaten, die sich wieder bewerben. Wahrscheinlich wird der Kretschmann-Flügel durch Herrn Habeck aus Schleswig-Holstein repräsentiert sein?

C&S: Der Kretschmann-Flügel ist nicht für Cem Özdemir?

M.F.: Nein, ich glaube das Habeck so als die frischere Kraft des Kretschmann-Flügels angesehen wird. Cem Özdemir mag inhaltlich ähnliches vertreten, aber der ist, glaube ich, zu lange dabei und hat schon zu oft bewiesen, dass er zwar ein solider anständiger Politiker ist, aber jetzt keine Begeisterungsstürme auslöst.

C&S: Jetzt muss ich doch noch einmal fragen, wer wird es dann für die SPD?

M.F.: Wer es wird, kann ich tatsächlich überhaupt nicht sagen. Wenn man den beliebtesten Politiker Deutschlands in seinen Reihen hat, Frank-Walter Steinmeier, den am Ende dann nicht aufzustellen, das wäre schon sehr sehr merkwürdig. Aber ich halte es für möglich, dass sie ihn trotzdem nicht aufstellen.

C&S: Dann sind wir mal gespannt, wie das ablaufen wird. Vielen Dank für das Gespräch, Markus Feldenkirchen!