Das Meer, ein Jogger und paarende Schweine. 

Kurze Spots und Wahlkampfwerbefilme haben in Deutschland – wegen der geringen Möglichkeit zur TV-Ausspielung – noch keinen so großen Stellenwert wie in den amerikanischen Wahlkämpfen mit ihren Millionenbudgets für Werbeslots im Fernsehen. Trotzdem verfügen Kandidaten und Parteien mit Socialmedia, Homepage, regionalen Kinos und RegionalTV-Sendern über eine nicht zu unterschätzende Reichweite. In Bewegtbild lassen sich Kandidaten authentisch darstellen und bieten den Wahlkampfmanagern so ein Tool der unzensierten Präsentation ihres Kandidaten und ihrer Vorstellungen für das Land. 

Am 07. Mai 2017 wird in Kiel ein neuer Landtag gewählt. Seit fünf Jahren regiert eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Südschleswigscher Minderheit das nördlichste Bundesland. Umfragen sehen einen Vorsprung für Ministerpräsident Torsten Albig vor dem unbekannten Herausforderer Daniel Günther von der CDU. Über der Wahl stehen die Grundfragen: Können die Konservativen noch das Ruder herumreißen und die SPD überholen? Wie schlagen sich die Grünen vor dem Hintergrund des aktuellen Abwärts-Trends im Bund? Schafft es die FDP um Spitzenmann Wolfgang Kubicki ihre guten Ergebnisse zu halten und was passiert mit der Alternative für Deutschland?

In diesem Blog-Beitrag aber geht es um die Frage: Wie sind die Parteien in Schleswig-Holstein bei Bewegtbild aufgestellt?

Kurz-Ergebnisse:
SPD: 1 –
GRÜNE: 2-
LINKE: 2-
FDP: 3+
CDU: 3-
SSW: 4+
Piraten: 4+
AfD: 5
LKR SH: 5- und die Goldene Himbeere für die schlechteste schauspielerische Leistung.
Die PARTEI: Freibier.

SPD
Die SPD hat ihre Wahlwerbespots in drei Teile aufgeteilt: Wir können das, wir wollen das, wir machen das. Jeder Beitrag startet und endet mit Aufnahmen vom Meer. Dazu hören wir Ministerpräsident Torsten Albig über das Erreichte, die Pläne für die Zukunft und seine Person aus dem Off reden. In einem der Spots ist auch Landeschef Ralf Stegner zu hören. Die Videos schaffen es gut,Emotionen und Lebensgefühl für Schleswig-Holstein zu vermitteln. Mit maritimen Motiven und im Gespräch mit Menschen wirkt Torsten Albig – mal im Anzug, mal leger am Stand – als sympathischer Ministerpräsident. Mit den dramaturgischen Kniffen von Slowmotion und emotionaler Musik wird dabei versucht, eine Spannung innerhalb der Spots aufzubauen.  Und wiederkehrende Szenen in allen Spots verbinden die drei Teile als zusammenhängender Block. Die Spots sind eines Ministerpräsidenten sehr angemessen, ausgesprochen gut in der Machart und dabei auch seriös. Auch wenn wir uns in sechs Monaten wohl nicht mehr an den Spot erinnern werden. Dafür ist er einfach zu klassisch!

Die weitere Spots der SPD Schleswig-Holstein: 

CDU
Zu Beginn des CDU-Spots werden die angeblichen Fehler der Regierung und von Ministerpräsident Albig aufgezählt. Die Antwort der Konservativen darauf ist ein junger, dynamischer Kandidat: Der noch eher unbekannte Daniel Günther. Er joggt und stehe für den Fortschritt. Im hellblauen Partei-Jogginganzug. Ein Einzelkämpfer. Seine Themen sind Infrastruktur-Ausbau, Beibehaltung von G9, Sicherheit und: Er ist gegen das Abitur für alle. Im Gegensatz zu den SPD-Spots wird Günther nur am Ende in der Gegenwart von möglichen Bürgerinnen und Bürgern gezeigt. Und auch wenn er joggt, kommt die Schönheit der Natur zu selten zur Geltung – auch abgeschwächt durch die vielen Stock-Aufnahmen im Zwischenteil. Ein großrn Kritikpunktbetrifft den Sound: Ein viel zu starker Hall auf Günthers Stimme und eine Imagefilm-Musik lassen Emotionen vermissen. Auch dadurch wirkt der Spot etwas farblos, fast unmotiviert. Die ständigen Texte, insbesondere die laufenden Sprechblasen, ziehen zusätzlich unsere Blicke weg. Als Fazit lässt sich ziehen, dass hier eine große Chance vertan wurde, dem jungen Kandidaten Profil zu geben und ihn als Persönlichkeit und zukünftigen Landesvater darzustellen.

GRÜNE
Die Grünen haben zwei Wahlwerbespots zur Wahl online gestellt. Der erste ist knallig, farbig, funky. WTF? Die Grünen in Schleswig-Holstein zeigen uns einen Internet-Spot ohne wirkliche Inhalte: Tiere und Babys, Pop-Art Elemente, Obst und Biene Majas Freund Willy. Die Grünen haben dabei alle Internet-Regeln befolgt und auch Auge für die Absurdität: Paarende Schweine. Eigentlich großes Tennis. Aber für ein politisches Amt angemessen?
Die Grünen haben angeblich Mut und Biss, Haltung und Energie will uns der Spot zeigen. Und sie haben Heinold und Habeck. Am Ende fragt man sich jedoch: Wer sind die zwei, was wollen sie, warum? Funky, funky!

Der zweite Spot der Grünen kommt viel klassischer daher und ist eine Art Vorstellungsvideo der zwei Spitzenkandidaten Heinold und Habeck für die Wahl. In schönen Bildern und mit ruhiger Musik präsentieren sich die Hoffnungsträger der Grünen gegenseitig und loben sich. Dazwischen werden ihre Hauptthemen vorgestellt. Ein guter Spot – der neben dem funky Onlinespot – sehr ruhig und handwerklich sauber daher kommt. Die klassische Interpretation eines Wahlwerbespots und eine gute Ergänzung zu dem Onlinespot.

 

FDP
Nach den mitunter fantastischen FDP-Spots, die die Agentur HEIMAT für die FDP gestaltet haben, waren wir diesmal sehr gespannt auf den Spot der Liberalen. Jedoch müssen wir sagen: Mehr als solide ist er nicht! Direkt ist erkennbar: Es steckt keine HEIMAT darin. Man bekommt Zugpferd Wolfgang Kubicki im Interview. Nicht modern, fast altbacken. Und: Die Schrift im Bild ist deutlich zu groß; in weiß auf hellblau. Vom Inhalt bleibt hängen: Das Geld sei in Schleswig-Holstein da, man müsse es nur ausgeben. Aktiv werden. Dabei ist der Spot hell und freundlich: Man würde gerne mit Kubicki auf seinem Boot im Poloshirt einen Wein trinken. Weiter geht’s, eine Milieu-Ansprache. Der Spot baut Vertrauen auf, zeigt dabei aber zu wenig von der nordischen Landschaft. Der Spitzenmann alleine vor der Kamera: Solide, freundlich – aber nicht besonders. Schade.

SSW – Südschleswigscher Wählerverband

Lars Harms – Spitzenkandidat der SSW. Man muss ihn einfach gern haben: Er hilft alten Frauen über die Straße, stoppt einen Fußball, der später jedoch seine Fensterscheiben zerstört, er schenkt Frauen das letzte Krabbenbrötchen. Kurzum: Er opfert sich auf. Der nette Loser von Nebenan. Dumm-doof, aber auch süß. In diesem Spot ist er der Alan Harper der Politik! Doch wählt man so jemanden gerne? Im Landtag wird er eh sitzen. Der Minderheitenregelung in Schleswig-Holstein zum Dank.

AfD
Konzeptionell ein klassischer AfD-Spot. Hauptinhalt sind Aufsager von besorgten BürgerInnen und ihren „Sorgen“: Klassischen Medien trauen sie nicht mehr, mehr Geld für “uns” und nicht für Flüchtlinge oder Manager, Anerkennung von Familien, mehr Sicherheit und bezahlbaren Wohnraum. Am Ende tritt Spitzenkandidat Jörg Nobis mit unkreativer Bauchbinde in einem Wäldchen vor die Kamera und spricht seine Forderungen aus. Ein Schmerz für die Augen: Das AfD-Logo, das jeden Teil jeweils mit einem “Schwusch” vom anderen abtrennt. Ein Inhalt-lastiger Spot. Doch die AfD ist ehrlich: Sie ist nicht gefühlig, sondern gruselig. Im Inhalt und der Optik.

LINKE
Die LINKE Schleswig-Holstein präsentiert uns einen Spot unter dem Motto: „Kopf im Sand“. Ein Oppositions-Spot mit Witz und Liebe für das Detail. Der Ministerpräsident Albig – schön erkennbar an seiner klassischen Krawatte – stecke vor den Fragen der LINKE seinen Kopf in den Sand. Es wird u.a. kritisiert, dass Albig keine Haltung hätte. Unerwartet und humorvoll: So richtet sich der Spot an die Unzufriedenen mit der Regierung. Die LINKE will klassische Opposition machen: Kritische Fragen stellen, Haltung bewahren. Aber wer bitte ist der Mann, der die Fragen stellt? Reichen nur Fragen für einen politischen Anspruch? Das Hauptmotiv und die Bildern bringen einen dennoch deutlich zum schmunzeln!

PIRATEN
Die ehemalige Internet-Partei bedient sich bei der Grundidee für ihren Spot einem Klassiker der Internet-Memes. Ein versuchter Nerd-Witz. Bis zum Ende bleibt man so jedoch in der Unklarheit, ob es sich um einen Spot der Piraten oder der PARTEI handelt. In dem Spot werden die vier Piraten-Landtagsabgeordneten gezeigt. Die jeweils vorstellen, für was sie die letzten fünf Jahre Flagge gezeigt haben im Kieler Parlament: Datenschutz, Transparenz, bessere Bildung. Noble Ansätze, doch noch einmal 8,2% wird es für die Piraten nicht geben – Sie sind dem Untergang geweiht!

 

Die Partei PARTEI
Zu Smetanas bekanntem Stück “Die Moldau” tauchen die politischen Spaßvögel aus dem Meer auf. Um am Ende mit dem Trick des rückwärtsabgespielten Videos einen kleinen Aha-Moment zu kreieren. Gründe für ihre Wahl gibt es nicht; gab es auch noch nie. Aber kreativ war die PARTEI schon immer! Ob auch sinnvoll für die Demokratie, muss jede/r selbst entscheiden.

 

Liberal-Konservative Reformer Schleswig Holstein
Die goldene Himbeere geht an Jürgen Joost für seine Hauptrolle in folgendem Spot. Die Kameraführung kommt mit ruckligen Zooms daher. Der Kandidat liest ab und die Stockbilder bestechen durch sinnbefreite Ausdauer. Aber überraschen sie sich selbst: