Seit es das Medium Film gibt, wird es für politische Zwecke genutzt. Als die Bilder laufen lernten, entstanden gerade die ersten totalitären Staaten in Europa und die Entwicklung des Propagandafilms ging Hand in Hand mit Klamauk und Horror, Sergej Eisenstein ist ebenso Pionier wie Chaplin und Lang. Neben den sowjetischen und nationalsozialistischen Lehrfilmen, die Geschichten mit ideologischer Prägung erzählten, etablierte sich in demokratischen Systemen immer mehr der Film als Medium für den Wahlkampf.

Der “Daisy”-Spot
Besonders in den USA, in denen der Präsidentschaftswahlkampf qua Definition ein personalisierter war, eigneten sich Wahlwerbespots besonders gut. 1964 wurde im Wahlkampf zwischen Lyndon B. Johnson und Barry Goldwater durchaus zu drastischen Mitteln gegriffen. Goldwater, der für seine Liebe zur nuklearen Abschreckung in Bezug auf den sich anbahnenden Vietnamkrieg bekannt war, wurde durch einen Spot und die damit verbundene Kampagne erfolgreich als Verrückter dargestellt, der im Zweifel eher zu früh als zu spät auf den roten Knopf drücken würde. Was das für die Zukunft der Nation bedeuten würde, malte Johnsons Team in, im wahrsten Sinne des Wortes, schwarz-weißen Farben.

Goldwaters eigene Kampagne kam dagegen für heutige Verhältnisse eher zahm daher. Die Warnung vor Pornografie dürfte den meisten heute nur noch ein müdes Lächeln hervorlocken.

Am Ende entschieden sich die Wähler dazu, mehr Angst vor einem Atomschlag, als vor Brüsten zu haben und wählten mit einem überwältigenden Ergebnis (61,1%) den Amtsinhaber Johnson ins Weiße Haus. Gerade auch hinsichtlich aktueller Kampagnen, kann sich hier sehen lassen, wie die Dämonisierung extremer Kandidaten durchaus Früchte tragen kann.

Der Negativ-Spot
2004 wurde im bis dato teuersten Wahlkampf der Geschichte auch vermehrt auf Verunglimpfung der Kandidaten gesetzt. In einem Video beschuldigen ehemalige Vietnam-Veteranen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry, nach einer Gehirnwäsche durch den Vietcong gegen die eigenen Kameraden ausgesagt zu haben. Besonders der Hinweis am Ende, dass ausschließlich die Veteranenvereinigung “Swift Boat Veterans for Truth” für den Clip verantwortlich seien, lässt vermuten, dass es Unterstützung durch das Team von George W. Bush gab.

John Kerry wehrte sich offensiv gegen die Kampagne, unter anderem mit der Veröffentlichung der offiziellen Dokumente zu seiner Zeit in Vietnam. Zum anderen verklagte er ganz einfach die Verantwortlichen des Spots und bezichtigte sie der Falschaussage. Zumindest lies sich hier durch eine gewisse Distanz zu den Anschuldigungen schaffen. Am Ende verlor er knapp gegen einen der umstrittensten US-Präsidenten der Geschichte.

Deutsche Besonderheiten, Adenauer und die Zeichentrick-SPD

Auch in Deutschland hat die Wahlwerbung mit Bewegtbild eine lange Tradition. Bereits 1957 setzte ausgerechnet die CDU mit ihrer sehr konservativen Message “Keine Experimente”, auf neue Wege im Wahlwerbespot. Heute für eine Bundestagswahl undenkbar, stellt ein gezeichneter Konrad Adenauer per Hebel auf Nato-Beitritt und vertreibt unterlegt mit Zeichentrickmusik die bösen sozialdemokratischen Heinzelmännchen. Der deutsche Michel darf weiterhin ruhig schlafen.

Heute wünschte sich so mancher, das mit dem Nato-Beitritt könnte ebenso schnell wieder rückgängig gemacht werden

Wahlwerbung und die Internet-Kultur: Das Schnecken-Gate

Aktuelle Parteiwerbung setzt inzwischen auch vermehrt bei Landtagswahlen auf mediale Repräsentation in TV und Web (So zum Beispiel in Rheinland-Pfalz , Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg). Unvergessen auch der Grünen-Wahlwerbespot für die Bundestagswahl 2013. Einen riesigen Coup hatte man gelandet, den NeoMagazin-Sprecher William Cohn zu verpflichten, und hoffte damit vor allem die junge, hippe Wählerschaft des Bildungsbürgertums anzusprechen. Die Coolness der damals nur in Insiderkreisen bekannten ZDFneo-Sendung sollte auf die eigene Kampagne überspringen, Meinungsmacher angesprochen, und die Grünen als jung und kreativ wahrgenommen werden.

Womit die Verantwortlichen im grünen Wahlkampfbüro vielleicht nicht gerechnet hatten, Jan Böhmermann, Host und Genie hinter dem damals noch jungen TV-Format war sich der Intention durchaus bewusst. Spätestens seit dem “Varoufake” wissen wir, dass er der King im Kapern fremder Messages ist. Wer auch immer dachte er könne die “Hippness” des TV-Formats für seine eigenen Zwecke missbrauchen, hatte sich geschnitten, wie sich wenige Wochen vor der Wahl herausstellte.

Vielleicht war es auch nur ein Versuch Jan Böhmermanns, die tatsächliche Nähe der jungen TV-Szene zum grünen Milieu etwas zu relativieren und ob das recht maue Wahlergebnis in der Bundestagswahl auf den “missglückten” TV-Spot zurückzuführen ist, oder nicht eher Paternalismen wie Veggie-Day und unpopuläre Forderungen wie eine Steuererhöhung für Besserverdiener dazu geführt haben, ist auch eher fraglich. Jedoch spätestens die Anfrage Sigmar Gabriels zum persönlichen Gespräch mit Jan Böhmermann 2015 zeigte, dass das Kuscheln von Politikern mit Medienpersönlichkeiten auch locker Mal nach hinten losgehen kann.