Ein grüner Schreiner, ein schweigsamer Finanzminister und ein Wolf als Herausforderer

Kurze Spots und Wahlkampfwerbefilme haben in Deutschland – wegen der geringen Möglichkeit zur TV-Ausspielung – noch keinen so großen Stellenwert wie in den amerikanischen Wahlkämpfen mit ihren Millionenbudgets für Werbeslots im Fernsehen. Trotzdem verfügen Kandidaten und Parteien mit Socialmedia, Homepage, regionalen Kinos und RegionalTV-Sendern über eine nicht zu unterschätzende Reichweite. In Bewegtbild lassen sich Kandidaten authentisch darstellen und bieten den Wahlkampfmanagern so ein Tool der unzensierten Präsentation ihres Kandidaten und ihrer Vorstellungen für das Land.

Am 13. März 2016 wird zwischen Mannheim und dem Bodensee der neue baden-württembergische Landtag gewählt. Aktuelle Umfragen sagen ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und seinem Herausforderer Guido Wolf voraus.
Wie präsentiert sich der Amtsinhaber in den Werbespots und wie der CDU-Mann? Welche Themen spielen SPD und FDP? Und in welcher Rolle zeigen sich die Linkspartei und die Alternative für Deutschland?

Gesamt-Bewertung der Spots in Kürze:
1. Grüne (Note: 1)
2. CDU (Note: 2-)
3. LINKE (Note: 3)
4. SPD (Note: 3-)
4. FDP (Note: 3-)
6. AfD (Note: 6)

GRÜNE:

Ähnlich wie im Wahlkampfspot 2011[1] zeigt der aktuelle Spot der Grünen Baden-Württemberg Winfried Kretschmann wieder bei der Handarbeit. Im 2016er Spot schreinert der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands im Keller des ehemaligen Gasthauses zum Lamm, dem Wohnhaus der Kretschmanns in Sigmaringen-Laiz. Späne fliegen, es wird geschmirgelt und präzise Löcher werden gebohrt. Dazu erklärt die bekannte Kretschmann-Stimme aus dem Off seine Vision und Ziele für das Ländle: eine innovative Wirtschaft, die Energiewende, gemeinschaftlicher Zusammenhalt und Nachhaltigkeit. Am Ende des Spots tritt Kretschmann aus dem Haus, spricht seine Wahlaufforderung direkt an die Zuschauer und steigt in seine Dienst-Hybridlimousine. Hervorzuheben ist bei dem Spot das handwerkliche Geschick im Bezug auf Bildsprache und Ton sowie die thematische Verknüpfung von „Natur“ & „Handwerk“ als Pfeiler der Partei. Auch die Fortführung der Grünen-Story ist bemerkenswert: Nachdem Kretschmann in dem 2011er-Spot noch einen jungen Baum, den  „Politikwechsel“, pflanzt, kann nach fünf Regierungsjahren das erste Werkstück aus seiner Arbeit gezimmert werden: Ein Lauflernwagen für sein Enkelkind.

Zusätzlich präsentieren die Grünen einen kurzen Kino-Spot zur Landtagswahl im Ländle: Kretschmanns Stimme ist im Land so bekannt, dass die Grünen in der ersten Hälfte des Spots ihn ohne Bild präsentieren können. Die Dunkelheit eines Kinos macht sich der Spot so zu Nutze, um am Ende alles als geschickten Seitenhieb Richtung Konservative durch First Lady Gerlinde Kretschmann aufzulösen. In der Idee nicht wirklich neu – aber handwerklich ausgesprochen gut umgesetzt. Dazu sind beide Spots auf Youtube und Facebook für eine barrierefreie Nutzung auf Wunsch untertitelt.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Grünen Baden-Württemberg mit ihren Spots die handwerklich und strategisch sehr saubere Arbeit der Gesamtkampagne weiterführen: eine glatte Eins.

Agentur: WIGWAM
Regie: Simon Ostermann
Kamera: Johannes Greisle
Produktionsfirma: partizan
Verbreitungskanäle: TV: SWR, eventuell Schaltung in kleinen Regio-Sendern. Online: Facebook, Youtube, Homepages und Newsletter-Mailing

CDU:

Die CDU Baden-Württemberg präsentiert einen eher unspektakulären Spot zur Landtagswahl. In dem Spot wird Guido Wolf als „Zuhörer“ und die Partei im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern gezeigt. Untermalt mit schönen Bildern aus der Sommertour 2015 und einem ruhigen Musikjingle, stellt der CDU-Mann aus dem Off seine Pläne für das Ländle vor: Innere Sicherheit, Ausbau der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und eine bessere Bildungspolitik. Dabei werden die Wahlkampfthemen im Hintergrund eingeblendet und passend zu Wolfs Stimme gehighlightet. Am Ende spricht der CDU-Spitzenkandidat vor orangefarbenem Hintergrund seine Wahlaufforderung direkt zu den Zuschauern – denn, er hat „richtig Lust auf Zukunft“. Handwerklich gibt es an dem Spot wenig zu kritisieren, außer, dass die eingeblendeten Themen im Hintergrund mitunter zu schnell wechseln und das Bild etwas überfrachten. Der Aufbau und die Umsetzung sind konservativ gewählt. Es wurde nicht viel gewagt, aber auch nichts falsch gemacht.

Zusätzlich zu dem Hauptspot hat die CDU Baden-Württemberg sieben kurze „Videos zum Plakat“, die bei Aktivierung von QR-Codes auf den Wahlplakaten in Youtube erscheinen, produziert. Guido Wolf präsentiert sich in diesen Videos vor orangefarbenem Hintergrund und erläutert in 30-45 Sekunden seine Ideen für u.a. „Polizei[2]“, „Verkehr[3]“ oder auch „Integration[4]“. Mit der kurzen Länge der Videos und der direkten Ansprache an den Wähler wird hier eine geschickte transmediale Kommunikation von Plakat in Bewegtbild getestet. Die mitunter steife, an ein  „Schulreferat“ erinnernde Präsentationsart des Herausforderers, regte nicht nur die heuteshow zu weiteren „Kreativleistungen“[5] an.  Die geringen Klickzahlen auf YouTube lassen vermuten, dass dieses Tool nur zögerlich von Bürgern genutzt wird.

In der Endabrechnung gibt es Abzüge für die Gestaltung der „Videos zum Plakat“. Ansonsten kann für die Bewegtbild-Produktionen der CDU Baden-Württemberg eine 2- in das Zeugnis geschrieben werden.

Agentur: PANAMA
Verbreitungskanäle: TV: SWR, Online: Youtube, CDU-BW Homepage

SPD:

Im Wahlwerbespot der SPD präsentiert eine ruhige, weibliche Stimme die sozialdemokratischen Hauptthemen: Wohnen, Fachkräfte, Familien und Bildung. Cleane, weichgezeichnete Aufnahmen zeigen dabei eine Arbeitnehmerin, eine junge Familie und eine Schülerin. Darüber hinaus wird der stellvertretende Ministerpräsident Nils Schmid im Kreis seiner Mitarbeiter vorgestellt und präsentiert: ein Mann, der zuhören könne und einen Plan für Baden-Württemberg habe. Dieser Ansatz zeigt deutliche Parallelen zum Dialog-Wahlkampf der SPD in 2011.

Zusätzlich zum Hauptspot wurden zu den einzelnen vier Themen und dem Spitzenkandidaten Nils Schmid jeweils eigene 30sek Spots zusammengestellt – die auf Facebook stark gesponsert laufen[6]. Eigentlich gibt es bei den Spots nicht viel zu kritisieren – unverständlich ist jedoch, warum Nils Schmid schweigt und nicht selbst, wie in Wahlkampfspots üblich und 2011 noch umgesetzt[7], zu dem Zuschauer spricht. Es stellt sich außerdem die Frage, ob der Wahlkampf-Slogan „Baden-Württemberg leben“ gestärkt wird, wenn vollkommen auf Bilder vom Ländle verzichtet wurde und die Themen-Spots hauptsächlich in einem unbekannten Studio entstanden sind. Die SPD hätte in den Filmen ihr Wahlkampf-Motto stärken und mit Außenaufnahmen das Ländle mehr in den Fokus rücken können. So wirkt es doch eher wie aus einem Prospekt – austauschbar und clean.

Bereits im Dezember 2015 hat die baden-württembergische Sozialdemokratie ein weiteres Video veröffentlicht: in vier Minuten präsentieren Bürgerinnen und Bürger die Erfolge der SPD-Regierungsarbeit in Stuttgart. Viel habe die SPD in ihrer Regierungszeit umgesetzt und stetig den Koalitionsvertrag „abgearbeitet“. Obwohl das Video handwerklich durchaus gelungen ist, so hat es eine große Schwäche: Eine einfache Google-Recherche zeigt bereits, dass alle im Video dargestellten Personen Mitglieder der SPD sind oder ihr nahestehen. Um auf authentische Art und Weise darzustellen, dass das Land mit der Regierungsarbeit zufrieden ist, hätte man lieber auf unabhängige Bürgerinnen und Bürger zurückgreifen sollen. In der realisierten Version könnte der Eindruck entstehen, die SPD würde keine zufriedenen Bürger finden und habe es nötig sich dann auch noch selbst zu loben. Dem Betrachter fällt das womöglich nicht auf, jedoch hat man so unnötig eine strategische Flanke für Angriffe der Konkurrenz oder Recherchen der Presse geöffnet – die man einfach hätte vermeiden können.

Die vier Themen- und der Wahlkampfspot kommen ohne handwerkliche Fehler daher, sind jedoch insgesamt zu clean, austauschbar und ohne Baden-Württemberg Bezug. Bei dem Umfragenspot muss man – trotz der handwerklich guten Arbeit – aus strategischer Sicht ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Der Spot wäre am besten nur für interne Zwecke genutzt worden. Gesamtfazit: 3-.

Wahlkampfspots:
Agentur: NWMD
Produktionsfirma: Stories Unlimited
Verbreitungskanäle: TV: SWR, Online: Facebook, Youtube

Umfragespot:
Agentur: widersprüchliche Angaben.

Freie Demokraten:
Nach dem handwerklich starken Trailer anlässlich des Drei-Königs-Treffen ´16[9] waren die Vorstellungen unsererseits an den Spot der Freien Demokraten groß. Im aktuellen Haupt-Wahlwerbespot zur Landtagswahl wird jedoch nur auf das bekannte Corporate Design und Schriftblöcke zurückgegriffen. Verstärkt von einer weiblichen Off- Stimme werden die Themen Innovation, Bildung und schwäbischer Mittelstand mit „Klischee-Bedenken“ gegenübergestellt, um sie am Ende getreu dem Motto „German Mut“ aufzulösen: „Wir sollten den nächsten Schritt für unser Land machen“. Handwerklich sauber, besonders die Musikauswahl ist lobenswert – aber doch sehr austauschbar und ohne grafischen Baden-Württemberg Bezug.
Erwähnenswert ist dazu, dass die FDP als einzige Partei für viele Landtagskandidaten, die Stillstands-Verweigerer, eigene Spots produzieren ließ [10] .

Die Freien Demokraten haben außerdem einen Kinospot produzieren lassen – hierbei setzen sie nun auf den Baden-Württemberg-Bezug und ihren Spitzenkandidaten Dr. Hans-Ulrich Rülke. Hierbei werden allerdings handwerkliche Fehler sichtbar: die Musikauswahl, besonders für Rülke, ist nicht stimmig, dazu fehlt der einheitliche Look und eine saubere Tonverarbeitung. Zusatzfrage: wer hat dem Spitzenkandidat sein Hemd ausgewählt?

Fazit: Der Hauptspot ist stimmig und handwerklich ohne Fehler – aber schade, dass die FDP dabei nur auf eine austauschbare Text-Präsentation zurückgreift. Im Kinospot wird dafür auf Bewegtbild und den Spitzenkandidaten gesetzt –  jedoch mit deutlichen handwerklichen Fehlern. Im Gesamtfazit so nur eine 3-.

Wahlwerbespot:
Agentur: HEIMAT

Kinospot:
Agentur: Filmwerkstatt Baden
Regie: Maurice Kubitschek

DIE LINKE:
Die Linkspartei präsentiert ihren Wahlkampfspot mit Sprechgesang bzw. Slam. Die beiden Slammer Marie-Theres Schwinn und Lorris Andre Blazejewski rappen über ein „Baden-Württemberg plus Sozial“. Mehr Menschlichkeit, gegen Leiharbeit und für bessere Bezahlung und sozialer Wohnungsbau – fordert die Linkspartei für Baden-Württemberg. Gedreht wurde der Spot in Studios in Berlin-Kreuzberg, dazu einzelne Aufnahmen in Baden-Württemberg. Handwerklich ist der Spot grundlegend sauber gearbeitet.  Jedoch fehlt auch hier der Baden-Württemberg Bezug in der Produktion. Zwar wurde mit dem Sprechgesang/Slam ein modernes Format genutzt, aber es bleibt zweifelhaft, ob man damit wirklich die junge Realität und einen Nerv trifft. Laut der LINKE will man mit dem Spot junge Menschen ansprechen und die Partei anders präsentieren als man es erwartet. Die vielen negativen Kommentare bezüglich des Sprechgesangs zeigen auf Facebook und Youtube jedoch schon eine Tendenz: womöglich an der jungen Zielgruppe vorbei. Daher im Endeffekt Note 3.

Agentur: Matthies & Schnegg / TIME PRINTS
Regie: Frank Marten Pfeiffer
Verbreitungskanäle: TV: SWR, Online: Facebook und Kampagnen-Websites.

Alternative für Deutschland:
Die Alternative für Deutschland legt einen bemerkenswert aussageschwachen Wahlwerbespot vor: Angefangen bei einem Bild der „Kehrwoche“ werden zu ruhiger Fahrstuhlmusik nichtssagende Bilder Baden-Württembergs lieblos aneinander gereiht. Hin und wieder werden dazu Schlagwörtern zur AfD und ihrer Themengebieten eingeblendet. In dem Vignettenfilm-Stückwerk aus einzelnen Ausschnitten ist jedoch auffällig, dass in der Postproduction weder auf eine gleichmäßige Bildkomposition wert gelegt wurde noch ein einheitlicher Look zugrunde liegt: Gefühlt reihen sich gekaufte Stock-Aufnahmen an eigenes Material – mal mit horizontalen Schwenks, mal vertikal. Mal Schnitten, mal Überblendungen. Dazu klimpert die Musik ohne Spannungsbogen vor sich hin. Da wäre deutlich mehr drin gewesen – besonders wenn man bedenkt, wie sehr die AfD über ihre Socialmedia-Kanäle operiert.

“Getoppt” wird der Spot nur noch von einem weiteren Online-Spot der AfD, der in letzter Zeit vermehrt auf Youtube als Werbung geschaltet wird: eine Stock-Hand “schreibt” Phrasen erster Güte auf eine farbige Fläche und am Ende skaliert man das AfD-Logo unverschämt auf. Ein Highlight gibt es dabei jedoch: die Musik im Hintergrund verfolgt einen noch tagelang.

Wenn man seine Wahlentscheidung nur von der handwerklichen Gestaltung der Spots abhängig machen würde, dann würde man am 13. März eindeutig nicht die AfD wählen. Wir äußern heute schon frei unsere Meinung: Die Spots müssen sofort zurück in die Korrekturschleife. Note: 6.

Agentur und Regie: keine Antwort.

SONSTIGE:

Unkommentierte „Highlights“ aus dem weiten Pool der „Sonstigen“-Parteien:

Piratenpartei BW: 

ÖDP BW: 

Tierschutzpartei BW: