Selfie, Sonnenbrille, Spielplatz: Berlin! 

Kurze Spots und Wahlkampfwerbefilme haben in Deutschland – wegen der geringen Möglichkeit zur TV-Ausspielung – noch keinen so großen Stellenwert wie in den amerikanischen Wahlkämpfen mit ihren Millionenbudgets für Werbeslots im Fernsehen. Trotzdem verfügen Kandidaten und Parteien mit Socialmedia, Homepage, regionalen Kinos und RegionalTV-Sendern über eine nicht zu unterschätzende Reichweite. In Bewegtbild lassen sich Kandidaten authentisch darstellen und bieten den Wahlkampfmanagern so ein Tool der unzensierten Präsentation ihres Kandidaten und ihrer Vorstellungen für das Land.

Am 18. September 2016 stellt sich der amtierende Regierende Bürgermeister Michael Müller zur Wiederwahl. Wie präsentiert er sich und wie sein Konkurrent von der CDU, Frank Henkel? Was machen die Grünen und die LINKE? Wie präsentiert sich die Alternative für Deutschland und wie die Freien Demokraten? All das in unserem Wahlwerbespot-Check.

Gesamt-Bewertung der Spots in Kürze:
1. FDP (1-)
1. SPD (1-)
3. LINKE (2)
4. CDU (2-)
5. AfD (Disqualifiziert)

Noch ohne Bewertung:
BÜNDNIS90/Die Grünen veröffentlichen ihre Spots erst gegen Ende August. Eine Bewertung reichen wir dann gerne nach. Von der Piratenpartei Berlin war kein Spot zu finden. Auch hier reichen wir die Bewertung gerne nach. (25.08.2016, 9:00) 

Die Alternative für Deutschland hat sich mit einem groben Fehler disqualifiziert. Mehr zu unserer exklusiven Story hier.

SPD


Ein Selfie mit dem Bürgermeister? In dem aktuellen Spot wird das Hauptmotiv der SPD-Kampagne, der soziale Zusammenhalt, ausgesprochen clever mit dem Motiv “Selfie” verknüpft. Die SPD hält die Stadt zusammen, spielt keine Gruppen gegeneinander aus und präsentiert dabei das „weltoffene “ Berlin. In dem Spot werden diese Themen in verschiedenen Selbstporträts und mit verschiedenen Personen dargestellt. Alles hat dabei eine Lockerheit und in den Farben eine gewisse Wärme. Dabei wird nicht einmal der Name ihres Kandidaten genannt. Bürgermeister Müller hält jedoch eine direkte Ansprache an die Wählerinnen und Wähler mit seinen Themen – diesmal frontal zur Kamera und zum Glück ohne Selfie-Stick.  Auch wenn der Regierende Bürgermeister Michael Müller über hohe Beliebtheitswerte und eine beeindruckende Bekanntheit in Berlin verfügt – so ist er bis zu dem Wahlspot der SPD noch nicht als Selfie machender Online-Wahlkämpfer in Erscheinung getreten. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass unzählige Berlinerinnen und Berliner an Wahlkampfständen den Kandidaten um ein persönliches Erinnerungsfoto bitten. Nach dem Spot sicher noch mehr. Und so ist 2016 und damit zwei Jahre nach den Werbe-Kampagnen von Calvin Klein und Turkish Airlines das Motiv „Selfie“ endlich auch im politischen Berlin angekommen. Einzig die etwas zu fröhliche und austauschbare “Fahrstuhl”-Musik trübt unser ansonsten sehr gutes Bild.

Wir finden, dass es sich dabei um einen sehr gut gemachten und modernen Spot einer Großstadt-Partei handelt. Der am Ende jedoch in seiner Professionalität womöglich etwas zu fröhlich und locker über die doch großen Probleme Berlins hinweggeht. Alles Friede, Freude, Selfie in Berlin?

Note: 1 –

Agentur: ButterBerlin und maz&movie
Regie:
Josef Rusnak
Präsentiert auf RBB, Facebook, Youtube und Twitter

CDU


Spielende Kinder – immer ein Klassiker in der Symbolsprache für die Zukunftsfähigkeit einer Stadt. Die Kinder erzählen in dem CDU-Video ihre Traumberufe, jeweils passend von einer weiblichen Off-Stimme mit Errungenschaften für Berlin, die die CDU mit ihrer Regierungsbeteiligung verbindet, unterlegt: Niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung oder 1000 neue Stellen bei der Polizei. Während alles mit dem Thema “Kinderfreundliche Stadt” abgedeckt wird. Ein kluger Schachzug finden wir! Durch die Spielplatz-Situation wird zusätzlich versucht, dem “harten Knochen” Innensenator Frank Henkel eine weichere Seite zu geben. Eine Strategie, die schon mit dem Kinder-Plakat angelegt wurde – im Spielplatz jedoch etwas zu sehr mit dem Dampfhammer versucht wird. Handwerklich ist bei dem Spot, ähnlich wie bei der SPD, ausgesprochen sauber gearbeitet worden. Jedoch für unseren Geschmack wieder etwas zu glatt. Oder um mit den Worten der CDU Berlin ausgedrückt: “Der Spot fasst spielerisch und sonnig, die CDU-Bilanz und unseren Wahlaufruf zusammen“. Was uns bei der ganzen Sonne jedoch besonders stört, ist der letzte Schwenk mit dem Kopf in Richtung Kamera von Frank Henkel – ähnlich einer Moderation von Sonja Zietlow bei die 10 größten Irgendwas. Alles in allem: Durchaus solide mit sehr positiven Ansetzen.

Als Highlight ist noch zu erwähnen, dass die CDU Berlin in diesem Wahlkampf ein Bewegbild-Experiment versucht, dass es so noch nicht gab: das erste Wahlprogramm als 30min Film. Auch wenn die einzelnen Teile mitunter etwas stümperhaft zu einem großen Film zusammengefügt wurden und der rote Faden zwischendurch etwas leidet, so ist es ein sehr spannender Versuch der lobend erwähnt sein will.

Note: 2- 

Drehbuch/Idee: Dirk Reitzke, Jan Luther
Regie: Gero Breloer
Präsentation auf RBB, Facebook und YouTube

LINKE

Wem gehört die Stadt? DIE LINKE Berlin startet ihren Wahlspot wie eine Persiflage auf typische Imagefilme: „Ein Berlin-Spot beginnt üblicherweise mit dem Fernsehturm“. Berlin sei „hip und cool“ – aufgelöst wird die ganze Thematik mit der angeblichen Gegenseite, den Schattenseiten von Berlin: Baustellen, Armut und Schwierigkeiten für Alleinerziehende. Aber „dank“ der Dauerbaustelle BER käme man auch nicht mehr weg. Alles doch mit einem Augenzwinkern.

Berlin eine richtig tolle Stadt? Die LINKE meint: „Hm. Naja …“. Ob soviel Schwarzmalerei jedoch den Berliner gefällt? Waren sie nicht immer stolz darauf, arm aber sexy zu sein? Handwerklich gibt es an dem Spot wenig zu kritisieren – die Verantwortlichen haben ihren Job gut gemacht! Lobenswert ist dazu, dass der gesamte Film so konzipiert sei, dass er auch in einzelnen, kurzen Sequenzen zusätzlich funktionieren kann – wie uns die LINKE auf Rückfrage mitteilte. Die Ausschnitte sind somit für weitere online Nutzung verwendbar. Auch die barrierefreie Nutzung ist gegeben.

Alles im allem ein durchaus humorvoller und gelungener Oppositions-Werbespot. Fraglich ist am Ende nur: Traut man einem solchen Spot am Ende auch eine mögliche Regierungsverantwortung zu?

Note 2

Agentur: DiG/Plus GmbH
Regie: Stephane Leonard, Andreas Strutz
Präsentiert auf RBB, Facebook und YouTube

 

BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN 

Die Grünen verzichten als einzige Partei auf einen klassischen Wahlwerbespot und lineare TV-Ausspielung im RBB. Stattdessen haben sie eine Reihe kurzer Spots entwickelt, die online zielgerichtet über soziale Medien gespielt werden sollen. Inhalte der Spots sind die Themen „Lebenswertes Wohnen“, „moderne Mobilität“ und „offene Gesellschaft“. Zusätzlich haben die Grünen fünf Testimonial-Spots mit Berlinerinnen und Berliner gedreht. Hübsch sind auch die 48 Sekunden Videos der Grünen Neukölln anzuschauen.

Einen ersten Eindruck konnten wir bei dem am Mittwoch veröffentlichten Spot für Radwege entnehmen. Stand 26. August 2016 18:00 Uhr sind jedoch noch nicht mehr Spots zu sehen. Ausgespielt werden sie laut GRÜNE Berlin ab Ende August. Wir reichen unsere Analyse daher nach und verbleiben vorerst:

Noch ohne Wertung

Agentur: Wahlspots: DieckertSchmidt, Lovestone Film. Testimonial: Time Prints.
Regie: Wahlspots: DieckertSchmidt. Testimonial: Beatrice Möller.
Ausschließliche online Nutzung: Youtube, Facebook, Twitter, Instagram, Homepage. Zielgerichtet an potentielle Grünen-Wähler.

 

FREIE DEMOKRATEN

Angst verändert unsere Sicht auf die Dinge. „Drei Männer betreten ein Restaurant,“ erscheint zu Beginn des Spots der FDP Berlin in schwarzen Lettern. Im Hintergrund dröhnt spannungsgeladene Musik. „Vor einer Konzerthalle greift ein Mann in seine Jacke“. Unweigerlich erscheinen Bilder der Horror-Nachrichten aus Paris, Nizza oder München im Kopf des Betrachters. Die FDP Berlin hat dabei – wie beispielsweise schon in dem Spot zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz Anfang des Jahres – wieder ohne spezielle Themen oder Bilder der Stadt Berlin gearbeitet: der ganze Spot besteht einzig aus Worten und stimmiger Musik. Der Spot zeigt beeindruckend, wie mächtig gutes Storytelling sein kann. Dazu schafft es der Spot es ausgesprochen gut, herrschende Ängste in der Bevölkerung aufzuzeigen. Um sie dann unter dem Slogan „Bleiben wir mutig“ und der Ouvertüre von William Tell aufzulösen – „Drei Männer betreten ein Restaurant – und essen zu Mittag.“

„Wir sind stolz, dass wir getroffen haben, was Menschen aktuell bewegt. Wir haben mit wenig Budget kommunikativ maximale Wirkung erreicht.“, meint die verantwortliche Agentur HEIMAT.

Angesicht des kleinen Budgets der FDP Berlin findet wir es auch beeindruckend, wie die FDP ein Grundgefühl und einen Querverweis auf ihr altes Parteitag-Motto „German Mut“ aufgezeigt hat. Handwerklich dazu ohne jeden Tadel. Fraglich bleibt jedoch, ob mit diesem allgemeinen Grundgefühl auch thematisch auf die einzelnen Themen der FDP Berlin-Erzählung eingezahlt werden kann.

Note: 1-

Agentur: HEIMAT.
Umsetzung: Pirates N Paradise, Krane & Rabe
Regie: Matthias Storath
Präsentiert auf Facebook, Twitter, Youtube

 

 Alternative für Deutschland 
Bildschirmfoto 2016-08-25 um 00.17.25Wie schon bei der ersten Plakat-Linie bricht die AfD in Berlin mit vielen Wahlkampf-Stereotypen über ihre Partei – altbacken und nationalkonservativ kamen alte Wahlwerbespots der Partei daher. „Wir präsentieren uns sehr modern und unterlaufen alle gängigen Klischees, die die Leitmedien und die Konsensparteien über uns verbreiten“, hatte AfD-Pressesprecher Gläser den Spot beschrieben. Wo die SPD das „Selfie“ als Motiv entdeckt hat, hat die AfD eine blaue Sonnenbrille für ihre „Politik mit Durchblick“ gestellt. Zumindest schmunzeln konnten wir auch über die Verweise auf Marx oder den Hauptmann von Köpenick und der “Brille:Fielmann” ähnlichen Schrift. Warum jedoch ausgerechnet der dunkelhäutige Mitbürger keinen Durchblick hat – da bleibt sich die AfD ihrer nationalistischen Provokationen treu. Und am Ende bleibt bei uns nur eine Frage offen: Sind farbige Brillen nicht sogar auf dem Ballermann schon wieder out? No Way?

Unerwartet und dabei doch etwas erzwungen “locker” präsentierte sich die AfD als Großstadt-Partei in Berlin. Technisch deutlich besser als alte AfD-Spots. Besonders die Musik hat uns sehr gefallen. Warum das aber ein Spiel mit dem Feuer war, das erfahren hier.
Präsentiert auf RBB, Youtube, Website und Facebook

Note: Ohne Wertung, da grober handwerklicher Fehler. Mehr dazu hier.

Geheimtipp: Sollten Sie es nicht bemerkt haben, der Mann auf dem Motorrad ist wahrscheinlich AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski.

 

Von der Piratenpartei Berlin konnten wir noch keinen Werbespot finden. Falls sich das ändert – ihr habt unsere Kontaktdaten, liebe Piraten. Danke :-*